Sonntag, 8. April 2012

Wie ich durch Selbermachen zum Seitan fand.

Dass ich heute am Herd stehe, den Kochlöffel sicher im Griff wie ein Steuerrad, ein kulinarischer Kapitän auf dem Weg zu neuen Ufern, ist mitnichten meinem Vegetarismus geschuldet. Denn seit einem Jahr umschiffe ich nicht nur Fisch und Fleisch. Auch das Ziel meiner heutigen Expedition suchte ich möglichst zu meiden wie der Seemann die Sirene: Seitan. 

Meine Antipathie gegen die dröge Proteinpampe gründet in der erschreckenden Harmonie zwischen Optik, Geschmack und Preis. Eingeschweißt in Plastik verderben einem die fahlen Lappen bereits den Appetit, bevor man auch nur einen Bissen davon ertragen musste. Noch unerträglicher ist nur die gemutmaßte Marge des Herstellers.

Trotzdem zog es mich heute munter pfeifend gen Küche. Und zwar wegen einer Zahl: vier. Viermal, so das plausible Versprechen zahlreicher Rezepte, kann man der drögen Masse seinen Geschmack aufzwingen, bevor man sie verzehrt: Beim Kneten, beim Kochen, beim Marinieren und natürlich bei der Zubereitung der eigentlichen Speise. 

Was gehört auf die Einkaufsliste? 

Gluten
Gluten besteht aus Proteinen und wird aus Getreidesamen gewonnen. Wer es kompliziert mag, kann Gluten aus Weizenmehl herauswaschen, eine Erfahrung, auf die ich bei einem Kilopreis von 3,20 € getrost verzichte. 


Gewürze
Seitan ist wie ein Schwarzes Loch für Aromen – ihr könnt euer komplettes Gewürzregal hineinwerfen und werdet trotzdem überrascht sein, wie neutral es noch schmeckt. Also keine falsche Bescheidenheit! 

Wasser 
Gluten und Gewürze mische ich im Verhältnis 1:1 mit Wasser. 

Also frisch ans Werk:
  • Zunächst füllte ich 250 g Gluten in eine Schüssel. Mit dieser Menge kann man vier Personen verköstigen.
  • Beim ersten Würzen fiel meine Wahl auf jeweils zwei bis drei Esslöffel edelsüße Paprika, Kurkuma, Muskatnuss und frisch gehackten Koriander sowie eine Prise schwarzen Pfeffer und Himalajasalz.
  • Nachdem alles gut vermengt war, verrührte ich das Pulver mit 250 ml lauwarmem Wasser zu einem Teig. Schnell lag in der Schüssel ein widerspenstiger Gummiball, den ich mit der Hand grob in die Form eines Laibes brachte.
  • Mit einem scharfen Messer und roher Gewalt gelang es mir, den Laib, obgleich er bewaffneten Widerstand leistete, in ca. 8 Millimeter dicke Scheiben zu schneiden.
  • In einem großen Topf setzte ich den Sud an: zwei Liter Wasser, eine Schalotte, einige Knoblauchzehen und Lorbeerblätter, eine halbe Tube Tomatenmark und ein ordentlicher Schuss dunkle Sojasauce. Darin kochte ich die Seitanscheiben vierzig Minuten. 
Wie es jetzt weitergeht, liegt ganz bei euch. Man kann die Seitanscheiben gleich essen, marinieren, im Ganzen oder als Geschnetzeltes braten und natürlich grillen. Im Kühlschrank hält der Seitan in seinem eigenen Sud locker eine Woche. Mir hat es dieses vielfältig verwendbare und obendrein spottbillige Lebensmittel jedenfalls extrem angetan!

Wer bei Google nach „Seitan aus Gluten“ stöbert, stößt auf Unverbissen Vegetarisch, den Blog von Claudia Klinger. Ihrer Schrift gewordenen Euphorie verdanke ich die köstliche Erweiterung meines kulinarischen Horizontes. Besucht sie doch mal:
> Seitan selber machen bei „Unverbissen Vegetarisch“
Beim Würzen des Gluten heißt es Farbe bekennen

Mein knallgelbes Gummibrot

3 in 1: Kochflüssigkeit, Marinade und Grundlage der Sauce

Schade, dass Fotos nicht duften können

Davon können sich Fleischesser ruhig eine Scheibe abschneiden

Hier harmonieren nicht nur die Geschmäcker

Serviervorschlag: Seitangeschnetzeltes mit Paprika und Pilzen. Bon appétit!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen