Freitag, 20. April 2012

Interview: Justus Schütze von buzzn über eine Zukunft ohne Energiekonzerne.

Mit voller Energie für People Power: buzzn Geschäftsführer Justus Schütze
Atomausstieg, Bürgerproteste gegen Kohlekraftwerke, massive Kritik von den Verbraucherzentralen – die goldene Zeit der Energiekonzerne scheint vorüber. Immer mehr lokale Initiativen fordern „Energie in Bürgerhand“. Bei dem Münchener Startup buzzn ist die „People Power“ bereits Realität. Ein Interview mit Geschäftsführer Justus Schütze.

Hallo Justus. Zunächst einmal vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst. Vielleicht beginnen wir mit ein paar Worten zu deinem beruflichen und privaten Hintergrund. Wie wird man zum Geschäftsführer von buzzn?

(Justus Schütze:) Hallo Benjamin, herzlichen Dank für die Möglichkeit, hier etwas über buzzn sagen zu dürfen! Wie wird man Geschäftsführer von buzzn? Nun, vielleicht indem man etliche Jahre in der Energiewirtschaft gearbeitet hat und dabei das eine oder andere gesehen und gelernt hat. Mit meinen Kenntnissen und Erfahrungen alleine wäre buzzn jedoch nie entstanden. Dazu bedurfte es in hohem Maße auch der Beiträge meiner beiden Mitgründer Danusch Mahmoudi und Thomas Theenhaus, die aus anderen Bereichen kommen, nämlich der Werbe- und der IT-Branche.

Vor vierzehn Jahren wurden die ersten unabhängigen Anbieter gegründet, heute ist Ökostrom im Mainstream angekommen, immer neue Startups drängen auf den Markt. Ihr habt mit buzzn einen anderen Weg eingeschlagen. Was steckt dahinter?

(Justus Schütze:) Der entscheidende Unterschied zwischen buzzn und herkömmlichen Stromlieferanten – egal ob Öko oder nicht – ist, dass der Strom bei buzzn aus lokaler Produktion stammt. Er wird von vielen Privatleuten sowie kleinen und mittleren Unternehmen in dezentralen Mini-Kraftwerken erzeugt. Zum Beispiel in stromerzeugenden Heizungen, sogenannten Blockheizkraftwerken, oder in Solarstromanlagen.
Das ist zum einen ökologisch sinnvoll, weil der Strom erneuerbar ist oder, im Fall von Blockheizkraftwerken, unter fast vollständiger Nutzung der Abwärme zur Heizung und Warmwasserbereitung verwendet wird. Außerdem minimiert lokaler Strom Netzverluste, da er dort produziert wird, wo er gebraucht wird.
Zum anderen ist buzzn Strom ökonomisch sinnvoll. Im Sinne eines fairen Energiemarktes, in dem es nicht nur viele kleine Stromnachfrager, sondern auch viele kleine Stromanbieter gibt. Wir reden hier also von einer echten Demokratisierung des Strommarktes. Aber auch im Sinne einer regionalen Wertschöpfung, da das Geld unserer Stromnehmer den Stromgebern unmittelbar zugutekommt – ohne Umweg über Zwischenhändler, Netzbetreiber, Strombörse und Energiekonzerne.

buzzn ist also kein Stromanbieter, sondern eine Tauschbörse?

(Justus Schütze:) In gewisser Weise ja. Bei einer Tauschbörse laufen jedoch immer bilaterale Geschäfte zwischen zwei Handelspartnern ab, was bei buzzn nicht der Fall ist. Das würde nämlich bedeuten, dass sich Stromgeber und Stromnehmer immer genau auf eine Art Stromprodukt einigen müssten, zum Beispiel auf einen individuellen Fahrplan, den der Stromnehmer vom Stromgeber jeden Tag benötigt. In der Praxis wäre das viel zu mühsam, weshalb wir bei buzzn den Gesamtbezug aller Stromnehmer bündeln und mit der Gesamteinspeisung aller Stromgeber synchronisieren.

Das klingt sehr abstrakt. Beim Thema Ökostrom hilft vielen Menschen das Modell eines Stromsees, in welchem der Anteil an Ökostrom zunimmt. Kannst du den Stromfluss bei buzzn ähnlich bildhaft darstellen?

(Justus Schütze:) Wenn man das deutsche Stromnetz als Stromsee betrachten möchte, dann müssen dort zu jedem Zeitpunkt die Einspeisungen in den See synchron sein mit den Bezügen aus dem See. Bildlich gesprochen: Der Pegel des Sees, also die Netzfrequenz, muss immer konstant sein. buzzn Strom ist eine Teilmenge dieses Sees. Dabei speisen unsere Stromgeber zu jedem Zeitpunkt immer mindestens genauso viel Strom in den See ein, wie unsere Stromnehmer daraus beziehen. Es ist also die Bilanz, die ausschlaggebend ist. Und natürlich gilt: Je mehr guter Strom von den Stromnehmern nachgefragt wird, desto mehr Stromgeber müssen einspeisen, bis irgendwann der konventionelle Strom verdrängt ist.
People Power ist bunt

Wenn du von gutem Strom sprichst, meinst du sicher die ökologischen und ökonomischen Vorteile von buzzn Strom, die du bereits erwähnt hattest. Kannst du diese Aspekte konkretisieren?

(Justus Schütze:) Unsere Stromgeber profitieren unter anderem von der Wertschätzung und der direkten finanziellen Unterstützung durch die Stromnehmer, die ihnen als Teil des Bezugspreises einen Extra-Cent zukommen lassen. Die Stromnehmer zahlen einen für echten Ökostrom unterdurchschnittlichen Bezugspreis von derzeit 23,50 Cent/kWh sowie 8,00 Euro pro Monat – beides inklusive aller Steuern und Abgaben – und haben dabei das gute Gefühl, ökologisch und ökonomisch sinnvollen Strom zu kaufen. Dass buzzn Strom ökologisch wertvoll ist, weil er erneuerbar ist und Netz- und Wärmeverluste minimiert, hatten wir ja zuvor erörtert.

Ist es nicht riskant, sich auf private Stromgeber zu verlassen? Wer sorgt für Ersatz bei unvorhersehbaren Ausfällen, müsst ihr Atom- und Kohlestrom einkaufen?

(Justus Schütze:) buzzn bündelt den Strom vieler Stromgeber und bringt ihn, unter der Aufsicht der Bundesnetzagentur, als offizieller Lieferant an deine Steckdose. Für dich als Einzelnen ist die Stromversorgung über buzzn daher genauso sicher wir für jeden herkömmlichen Stromkunden auch. Dafür sorgt der Gesetzgeber zum Beispiel damit, dass er in jedem Netzgebiet einen sogenannten Grundversorger dazu verpflichtet, einzuspringen, falls ein Lieferant Schwierigkeiten hat. Grundversorger ist immer der Stromlieferant mit den meisten Kunden. Dieser Fall ist beispielsweise unlängst bei Teldafax eingetreten, die aufgrund ihres Dumpingpreis-Modells in Insolvenz gegangen sind. Aber in letzter Instanz ist es immer der Netzbetreiber, der die Pflicht hat, dir den Strom physisch an die Steckdose zu bringen, zur Not auch, nachdem er ihn am Markt eingekauft hat.

Keine schöne Vorstellung, in Hamburg obliegt Vattenfall sowohl die Grundversorgung, als auch die Hoheit über die Netze. Aber in der Regel kommt eure People Power ja von den Stromgebern. Das führt mich zur wichtigen Frage der Transparenz. Kann ich als Stromnehmer nachvollziehen, woher mein Strom stammt und wie er erzeugt wurde?

(Justus Schütze:) Danke für diese Frage! Die Transparenz ist bei buzzn schon heute viel größer als bei jedem anderen Stromlieferanten. Mit einem Blick auf unsere Karte kann jeder nämlich schon heute überprüfen, wo unsere Stromgeber Strom produzieren und wohin sein Geld fließt. Oder er kann mit einem Blick in die Galerie einige unserer Stromgeber und deren Mini-Kraftwerke kennenlernen. Wir arbeiten daran, auch weitere Parameter transparent zu machen, zum Beispiel den Status unseres People Power Pools, also der Gesamtheit all unserer Einspeise- und Bezugsstellen. So wird bald jeder nachvollziehen können, dass wirklich nur lokal produzierter Strom fließt.

Lokaler Strom ist ein gutes Stichwort! Alle Welt redet vom massiven Ausbau der Stromnetze und von Smart Grids, ihr redet von kurzen Transportwegen. Bedeutet das, wenn sich in meiner Nähe kein Stromgeber findet, kann ich buzzn nicht nutzen? Bei welcher Distanz zieht ihr die Grenze?

(Justus Schütze:)  Nein, sobald du buzzn Stromnehmer geworden bist, wirst du immer aus dem People Power Pool versorgt werden, also der Gesamtheit aller Stromgeber deutschlandweit. Dass bei dir um die Ecke der nächste Stromgeber einspeist, ist nicht zwingend erforderlich, wird mit wachsender Zahl der Stromgeber aber früher oder später der Fall sein.

Laut eurer Website stammt 100 % des Stroms bei buzzn aus Kraft-Wärme-Kopplung, der Großteil davon durch Erdgas. Erneuerbare Energien spielen keine Rolle. Woran liegt das?

(Justus Schütze:) Das ist nicht ganz korrekt, denn seit Anfang 2012 fließt auch Solarstrom in unseren People Power Pool. Möglich wurde dies durch eine gesetzliche Änderung, welche die Direktvermarktung von Strom aus Erneuerbaren Energien erleichtert. Wir freuen uns über diese Änderung und bereiten derzeit schon weitere solare Stromgeber, aber auch Stromgeber aus kleinen Wasser- und Windkraftanlagen für die Einspeisung in unseren People Power Pool vor.

Apropos Stromgeber – in Hamburg möchte das Kultur Energie Bunker Altona Projekt (KEBAP) leerstehende Hochbunker zu Blockheizkraftwerken umbauen, um die Nachbarschaft mit Strom und Fernwärme zu versorgen. Wäre diese Initiative ein möglicher Partner für buzzn?

(Justus Schütze:) Auf jeden Fall! Das hört sich nach People Power in Reinform an. Falls eine oder einer der Projektverantwortlichen das hier liest, soll sie oder er sich unbedingt bei uns melden. Wir haben in den Reihen unserer Stromgeber auch sehr BHKW-erfahrene Leute, die bei Bedarf sicher gerne mit Rat zur Seite stehen.

Nach allem, was ich gehört habe, lohnt sich das buzzn. Auch finanziell: Die Erzeuger bekommen mehr, die Abnehmer zahlen weniger, am Ende profitieren alle. Wie steht es mit euch?

(Justus Schütze:) Du meinst das buzzn Team? Natürlich wollen wir irgendwann unseren Lebensunterhalt mit buzzn verdienen und werden das auch können, wenn genug Menschen unsere Plattform nutzen. Bis dahin leben wir vom Ersparten und von freiberuflichen Nebentätigkeiten. Was uns wirklich antreibt, ist aber nicht das Geld, sondern die Möglichkeit, mit buzzn einen Beitrag zu einem sinnvollen neuen Energiesystem leisten zu dürfen.

Justus, vielen Dank für das ausführliche Interview und weiterhin viel Erfolg mit People Power!

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