Mittwoch, 11. April 2012

Ein Herz für den Kakapo.

Ohne Worte (Video: BBC @ YouTube) 

Es gibt Tiere, bei denen sogar ein Idealist wie ich sich gelegentlich fragt, ob ihre Zeit auf diesem Planeten nicht vielleicht einfach abgelaufen ist. Besonders unerbittlich traf Darwins Geißel den Kakapo. Dieser in Neuseeland beheimatete Papagei steckt dermaßen in einer evolutionären Sackgasse, dass der Aufwand für seine Rettung eigentlich kaum zu rechtfertigen ist. Eine Liebeserklärung an einen Todgeweihten.

Vor 70 Millionen Jahren war der Kakapo zur Auffassung gelangt, in Ermangelung feindlich gesonnener Säugetiere könne er den Siegeszug seiner Spezies bequem auf dem Boden fortführen. Dass ihm seine Gene einen folgenschweren Streich gespielt hatten, bemerkte er – wenn überhaupt – vor etwa 1.000 Jahren. Damals brachten die ersten Siedler fleischfressende Makrosmaten nach Neuseeland, deren Geruchsorgane die extreme Honignote des Kakapos auf Kilometer gegen den Wind zu wittern vermochten: Hunde. Und die Evolution hatte dem Kakapo noch übler mitgespielt. Denn sobald er sich vom neuen Fressfeind aufgespürt wähnte, suchte er sein Heil in einer zum Schutz vor Raubvögeln entwickelten Überlebensstrategie. Er stellte sich tot.

Plötzlich war eine Lebenserwartungen von bis zu 120 Jahren nurmehr theoretischer Natur. Der fatale Moll-Akkord aus Flugunfähigkeit, Geruch und Feindverhalten machte den Kakapo zur leichten Beute. Die indigenen Māori kamen auf den Geschmack. Auch in modischer Hinsicht: Der Kopf des Kakapos galt ihnen als schicker Ohrschmuck. Als dann im 19. Jahrhundert die ersten Europäer neuseeländischen Boden betraten, war das der Anfang vom Ende. Denn die Eigenarten, die den Kakapo für das Leben auf diesem Planeten disqualifizieren, sind noch lange nicht erzählt.

Betrachtet man die nackten Tatsachen, stünde den 127 verbliebenen Kakapos eine nymphomane Veranlagung nicht schlecht. Das Gegenteil ist der Fall. Kakapos sind alles andere als frühreif. Die Weibchen beginnen ihre Familienplanung oft erst mit zehn Jahren. Männchen verspüren den Drang nach Reproduktion erfreulicherweise schon ab dem fünften Lebensjahr. Dummerweise schrecken sie auf der Suche nach Genugtuung auch vor Ästen oder Pullovern nicht zurück, was zwar drollig zu beobachten, dem Erhalt ihrer Art jedoch wenig zuträglich ist.

Ich glaube ja, diese viel beschmunzelte Masturbation rührt daher, dass Kakapo-Weibchen extrem schwer zu beeindrucken sind. Noch nachdem sich das Männchen einen hartumkämpften Platz auf der Balzbühne erstreiten musste, beginnt ein beispielloses Martyrium: Um nicht mit herumliegenden Gegenständen kopulieren zu müssen, bedarf es eines kräftezehrenden Lockgesanges, den der Kakapo bis zu acht Stunden lang erklingen lässt. Darin vermute ich übrigens den wahren Grund, dass alle Kakapos „zu ihrem eigenen Schutz“ auf zwei entlegene Inseln umgesiedelt wurden.

Leider kommt es noch ärger. Bevor das allnächtliche Rezitieren lautstarker Balzballaden mit einer willigen Partnerin belohnt wird, verstreichen bis zu vier Monate. In dieser Zeit verlieren manche Männchen die Hälfte ihres Körpergewichtes. Da bleibt kaum Kraft für das Vorspiel, bei dessen bedingungsloser Komplexität man klar von einem Fetisch sprechen muss. Wippen links, wippen rechts, Schnabelklacken, Bürzelwackeln – die getanzte Krönung von Monaten der Mühen. Und all das für einen Akt, der laut der deutschsprachigen Wikipedia vermutlich „sehr kurz ist“.

Schlimm genug, dass der Kakapo-Koitus nur alle Jubeljahre stattfindet. Obendrein käme keine Kakapo-Dame je auf die Idee, ihr Liebesnest mit Eiern zu segnen, solange nicht genügend Nahrung vorhanden ist. Darunter verstehen die wählerischen Weibchen die Frucht der Rimu-Harzeibe, welche nur alle drei bis fünf Jahre ausreichend gedeiht. Falls es wider Erwarten doch mal klappt, landen ein bis vier Eier – man ahnt es bereits – auf der Erde. Dort müssen sie dann, solange die alleinerziehende Mutter der Hunger plagt, auf sich alleine aufpassen.

Es gibt Tiere, die sich scheinbar selbst überlebt haben. Und doch sind es Endstationen der Evolution wie der Kakapo, die diesen Planeten so wundervoll machen. Nach fast einem Vierteljahrhundert intensiver Arterhaltung hat sich der Bestand von 22 Exemplaren auf 127 stabilisiert. Auf der englischen Wikipedia findet ihr eine Namensliste aller lebenden Kakapos. Ich wünsche mir, dass bei sieben Milliarden Menschen auch in Zukunft noch Platz für sie ist. Mein Lieblingstier ist und bleibt der Kakapo. 

Mein Wissen über diesen liebenswerten Loser entstammt dem exzellenten Eintrag bei Wikipedia.

Kommentare:

  1. Einfach toll geschrieben .
    Ich bin ganz deiner Meinung und möchte in ein paar Jahren die Chance haben diese Tiere Live zu sehen .
    Bitte sei mir nicht böse, aber ich muss ein paar deiner Worte weiter verwenden.
    Natürlich nur mit "Quellenangabe" ;)

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  2. Du kannst meinen Text gerne verwenden. Natürlich freue ich mich über eine Nennung als Autor oder einen Backlink zum Suttnerblog. Und was den Kakapo betrifft, bleibe ich trotz aller Umstände optimistisch!

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